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Kellerwissen | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Die Kölner Universitätsbibliothek Stahltüren, nüchterne Gänge und Industrieregale im Neonlicht. Inmitten einer Unüberschaubarkeit gesichtsloser Buchrücken auch Gänge mit märchenhaften, in Schweinsleder gebundene Folianten mit dem unüberbietbaren Geruch des Mediums. Die Bücher der Universitätsbibliothek zu Köln stehen im Keller. So entspricht der Bau der UB dem Sachverhalt, dass der größte Teil unseres Wissens ein unterirdisches ist. Das ist bei unserem persönlichen Wissen so, über dessen erdrückende Masse wir nicht verfügen, weil sie passiv, vorbewusst oder unbewusst ist und das ist bei unserem kollektiven Wissen nicht anders. Die Bibliothek ist schon von ihrer inneren Konstruktion her ein Keller. [?] 360 Grad Panorama im Keller der Unibibliothek Tatsächlich befindet sich nur ein Teil des Buchbestandes der UB unter der Erde. Doch sie ist eine klassische Magazinbibliothek, ein weitgehend fensterloser Datenkeller, deren Bücher für das Publikum nicht direkt zugänglich sind. Wer ein Buch ausleihen will, gibt eine Bestellung auf und das Buch wird vom Personal aus den Tiefen des Magazins geholt. Nur der Lehrkörper der Universität darf in die Gänge der UB eindringen, ein Privileg, das allerdings selten in Anspruch genommen wird. Der Gegenentwurf ist das sogenannte amerikanische Modell, die moderne Präsenzbibliothek mit der Freihandaufstellung, bei der sich der Leser die Bücher selbst aus den Regalen sucht. Die UB Köln hat einen Bestand von ca. 3,5 Millionen Bänden, jährlich kommen ca. 40.000 neue Bände dazu. Verglichen mit der größten Bibliothek der Welt, der USA Library of Congress in der USA, die über einen Bestand von 17 Millionen Büchern und 111 Millionen sonstiger Titel verfügt, eine kleine Bibliothek. Hier in der UB wurden die Bücher früher noch nach Sachgebieten sortiert, ein Prinzip, das bei einer Magazinbibliothek ein unnötiger Luxus für die wenigen "Freihandnutzer" ist und mittlerweile für eine platzsparendere Ablageordnung aufgegeben wurde: Die Bücher werden, so wie sie neu aufgenommen werden, nach reiner Äußerlichkeit, nämlich nach Größe sortiert und ihre exakte Position in einem Katalog festgehalten. Wird ein Buch an einem falschen Platz abgestellt, muss es im Meer der Buchrücken als verschollen gelten. In der Bibliothek wird die Transparenz des wissenschaftlichen Diskurses gegenständlich. Alles Wissen, das je in einem Kopf Gestalt angenommen hat, zu Papier gebracht und gedruckt worden ist, ist hier abgelegt, auffindbar verortet, es reiht sich regelhaft in den Diskurs ein, auf dem es aufbaut und lässt sich anschließen an ein zukünftiges Wissen, von dem es selbst möglicherweise überstiegen wird. Das ist Hegels Vorstellung von einem transparenten, zu sich kommenden Weltgeist. Eine fantastische Illusion. Wir glauben heute eher an mehr oder weniger günstige Milieus, wir ahnen, dass das Wissens nicht von Buch zu Buch, von Generation zu Generation fortschreitet. Das gilt vielleicht für einen sehr engen Begriff technischen Fortschritts, kaum aber für soft skills wie Lebenskunst, Weisheit und – um einen verbrauchten Begriff einmal pathetisch auszusprechen – Zivilisation. Denn nur das Wissen, das in einem Kopf real wird, ist belebtes, also transparentes Wissen. Die bloße Existenz einer Bibliothek schafft nur eine virtuelle Transparenz, es bleibt in seiner testamentarischen Form mögliches Wissen. Die EDV der UB macht das deutlich. Zwar speichert sie die Ausleihe nur zwei Jahre, aber sie zeigt, dass der Großteil der Bücher gar nicht ausgeliehen wird. So gibt es Tausende von Büchern, die auch die letzten zehn, möglicherweise fünfzig Jahre nicht ausgeliehen wurden. Stellen wir mal einen dieser Vergleiche an, die dazu da sind, unsere Vorstellungskraft zu sprengen. Ein Vergleich nach dem Vorbild: die verschwindend geringe Masse, die im Weltraum existiert, zu seiner unendlichen Leere. Einen Vergleich, den wir plastisch auf unser Gehirn wie auf die Bibliothek anwenden können: Was von dem, was unsere kreativen Synapsen an Wissen ins Tagesbewusstsein geschaltet haben, ist uns noch zugänglich? Donald (aus der Sippe der Ducks) jonglierte da nicht viel mit Nullen, er würde sagen, es handelt sich um einen fantastillionensten Teil – maximal. Und wenn wir die maximale Lebensleistung im Lesen bei 2.500 Büchern ansetzen – was schon eine außergewöhnlich bibliophile Existenz voraussetzt – braucht es schon für die vergleichsweise kleine UB 1400 Leben. Geht noch. Aber beim Lesen gelten nicht die im Handwerk üblichen 20% Schütt und Schwund, sondern etwa 99,9% – sie werden schlicht vergessen. Das sind 1400 Leben mal spekulative 999 das macht ca. 1,4 Millionen Leben, bis man die UB intus hat. Leider müsste man dieses Wissen auch wieder in Verhältnis zu dem Wissen setzen, das bis zu diesem Zeitpunkt exponential explodiert sein wird. Also wieder ein Satz mit X. Trotzdem: Als Student habe ich zwei Jahre in der Bibliothek gelebt. Nicht um in mir den Weltgeist anzuzünden, sondern um mir ebenso bescheiden wie hochfahrend, einen Teil dieses testamentarischen Wissens zu erschließen. Eine mönchische, körperferne Existenzform, in der ich, über die Köpfe von Generationen hinweg, mit einem längst vergessenen Toten kommunizierte, ihn akribisch umkreiste und mir seinen Geist anverwandelte. Ein heroisches Unterfangen in einer Lebenszeit, in der die Einbildungskraft von ganz anderen Bildern überflutet wird. Abends, als ich wieder dem Diktat dieser Bilder erlag, musste ich feststellen, dass das, was ich mir tagsüber im Magazin angeeignet hatte, für die Umwerbung der Frauen selten taugte. Übrigens studierte ich wegen der Magazinbibliothek nicht in Köln, ich wollte in die transparente moderne Bibliothek, in der ich ungehindert Zugang zu allen Büchern hatte. Heute sehe ich, dass die Bibliothek als Magazin viel eher ihrer Funktion entspricht. Altbundeskanzler Schmidt nannte die öffentlich-rechtlichen Wissensbasen "Tankstellen des Geistes", wenn wir bei ebenso treffenden wie schlechten Metaphern bleiben wollen, reduzieren wir mal bescheiden auf Kioske des Halbwissens (stellen aber an dieser Stelle das liebevolle Verhältnis der Kölner zum Kiosk in Rechnung). Durch das Internet, das längst zu unserm größter Wissenskiosk geworden ist, erhöht sich der Entscheidungsdruck aus einem Meer möglichen Wissens auszuwählen für eine Mehrheit. Die Ratlosigkeit nicht mehr weiter zu wissen, ist demokratisiert – wer kennt sie nicht, die Augenblicke bohrender Leere, in denen man nicht mehr weiß: Wohin jetzt surfen? Was lernen wir? Weitgehend alles jemals formulierte Wissen ist theoretisch verfügbar. Die Medienkompetenz, die uns hilft, im Nichtwissen sicher zu navigieren, ist etwas, was wir immer noch nicht gelernt haben. Was wir brauchen ist ein entspanntes Verhältnis zum Kellerwissen. Das ist eine alte Forderung, mit der die europäische Philosophie einst begann. Merke: Wer weiß, dass er nichts weiß, dem werden dumme Gedanken nicht so leicht zur Gewissheit. Axel Joerss Journalist und Fotograf, Solingen [?] 360 Grad Panorama im Keller der Unibibliothek |
![]() ![]() Der Kölner Untergrund ist voll von feinen Bunkern, Haifischbecken, Sagopagen und Versorgungsschächten. Keller sind bergende und schützende Räume, konservieren Geschichte und Geschichten und bestimmen einen großen Teil des Mikroorganismus einer Großstadt. Domschatzkammer St. Severin Universitätsbibliothek Filmhaus Luftschutzkeller Tiefgarage Fernwärmetunnel Wasserspeicher |
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