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Der Wasserspeicher Severin in der Südstadt

Im Zuge der Maschinisierung und damit Massenfabrikation entstanden mit der Industrialisierung neue Arbeitsplätze. Die durch die Dampfmaschine möglich gewordene New Economy des 19. Jahrhunderts ließ die Einwohnerzahlen der Städte in die Höhe schnellen. In Köln waren auf dem früheren preußischen Festungsgelände vor der mittelalterlichen Stadtmauer seit etwa 1850 Industriestandorte wie Nippes, Ehrenfeld, Bayenthal, Deutz und Kalk entstanden. Das Rayongebiet selbst wurde ab 1880 als Neustadt erschlossen und bebaut. Nahe der Bonner Straße begann man 1893 mit dem Bau des Wasserwerks Severin, der zentralen Wasserversorgung für das moderne Köln. Einer Stadt, die 1897 schon 370.000 Einwohner zählte – mit steigender Tendenz.

Die rasante Wachstum der Stadt hatte zur Folge, dass die Kapazitätsgrenzen von Severin schon 1898 absehbar waren und man Planungen zur Ausweitung aufnahm. So entstand in Hochkirchen ein neues Schöpfwerk, während man am Bonner Wall 1899 bis 1900 einen unterirdischen Wasserbehälter errichtete, der zwanzig Millionen Liter fasst. Neben Verbrauchsschwankungen durch Jahreszeiten und Witterung gibt es Bedarfsspitzen, die ein Vielfaches über dem durchschnittlichen Abgabewert liegen können, beispielsweise durch einen Großeinsatz der Feuerwehr. Das Wasserreservoir gewährleistet zu jedem Zeitpunkt die Möglichkeit der Wasserentnahme aus den beiden jeweils 10.000 m³ umfassenden Kammern.

194 Pfeiler tragen das 4,50 Meter hohe Deckengewölbe und diese eine Grünfläche von 5.000 Quadratmetern. Das Reservoir liegt unter dem Erdboden versunken, wie ein architektonisches Dornröschen, das in tiefem Schlaf ruht und alle zwanzig Jahre "wachgeküsst" wird. Dann nämlich, wenn die Wandbeschichtung des Stampfbetons erneuert wird, wenn das Wasser weichen muss und der Behälter sich zeigt, wie der Mensch ihn geschaffen hat: leer.


Hellhörig werden

Wenn nicht das Wasser jegliches Geräusch verschluckt, führt die unterirdische Halle ein zweites Leben; sie wird hellhörig, wird Klangraum im wahrsten Sinnes des Wortes. Denn der Raum kommt jedem Ton entgegen und lässt ihn bis zu 45 Sekunden lang schwingen. So lang währt seine Nachhallzeit ohne Technikeinsatz. Das ist der längste natürliche Hall, der bisher gemessen wurde. Die besondere akustische Notes erhält der Raum durch seine ebenmäßige Raumstruktur. Deckenhöhe und Pfeiler wirken so zusammen, dass der Hall gleichmäßig in alle Richtungen verteilt wird.

Alles ist Resonanz, ist EinKlang. Hier trifft jeder Ton nicht allein die Ohren sondern wird gleichzeitig körperlich spürbar. Auch die Stille in einem großen Raum ist eine andere als die Stille in einer Kammer. Es ist der Raum, der die Stille hörbar und spürbar macht. Und gerade die Tatsache, dass im Raumerlebnis die Sinneseindrücke verschmelzen, zeichnet ihn als Raum aus.

Weil es ein Ort der unmittelbaren Sinnlichkeit ist, ist es auch ein Ort der Meditation. Jeder einzelne Ton hat Gewicht. Hier lässt sich kein Missklang verstecken. Der reine Raum führt zum reinen Hören, das sich gleichermaßen nach innen wie nach außen richtet. "Horchen ist eine willkürliche, aktive Handlung, die den Menschen für alles öffnet, für den anderen ebenso wie für sich selbst." (Alfred A. Tomatis).

Zur Poesie der "versunkenen Architektur"

Der Wasserspeicher ist ein Raum ohne Licht. Niemals wird sich ein Sonnenstrahl hierher verirren. Die versunkene Architektur ist wie eine Welt, in der andere Regeln gelten. Ein Raum wie Atlantis. Seine Unzugänglichkeit stärkt seine Faszination ebenso wie dies seine Uneindeutigkeit tut. Die Vielschichtigkeit ergibt sich aus der Mischung der Empfindungen von schaurig und schön. Das entrückt diese unterirdische Kathedrale, die dem Wasser huldigt, zusätzlich und verleiht ihr mystische Potenz.

Sie bedient Assoziationen an Verlies, Gruft und Hades. Er wirkt andererseits auch klösterlich, sakral, im buchstäblichen Sinne kryptisch. So ist er ein Angstraum, ist eingeordnet in den Kreislauf des Wassers und des Lebens, ist Ort der Schöpfung und Neuschöpfung ebenso wie Ort der akustischen und geistig-spirituellen Klarheit. Die beeindruckende unterirdische Halle bevorzugt keine Deutung. Ihre Bestimmung ist das Wasser. Es hängt von uns ab, ob der Raum uns eher bezaubert oder beängstigt. Darin liegt seine wahre poetische Qualität. Es ist ein Raum, der die eigene Befindlichkeit spiegelt.
Petra Metzger
Kunsthistorikerin und freie Autorin
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Als Severin 1982 eine neue Filteranlage bekam, stand der Behälter über viele Monate leer. Der Produzent und Regisseur Hinnerick Bröskamp entdeckte bei einer Recherche über Trinkwassergewinnung die außerordentliche Akustik des Wasserspeichers. Er konnte die Stadtwerke davon überzeugen ein Musikprojekt zu initiieren und zu dokumentieren. Eine filmische Dokumentation mit verschiedenen Musik-, Geräusch- Sprachaufführungen und eine Doppel-CD sind in knapp vier Wochen entstanden. Die hier gezeigten Aufnahmen stammen aus: Vor der Flut – Hommage an einen Wasserspeicher von Hinnerick Bröskamp.

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[+] Der Wasserspeicher ist als Zwei-Kammern-System angelegt. (Plan: GEW Archiv)

Wasserspeicher
[+] Der Bau des Wassersspeichers 1899
(Foto: GEW Archiv)


360 keller titel neu
Der Kölner Untergrund ist voll von feinen Bunkern, Haifischbecken, Sagopagen und Versorgungsschächten. Keller sind bergende und schützende Räume, konservieren Geschichte und Geschichten und bestimmen einen großen Teil des Mikroorganismus einer Großstadt.

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